Reformieren um jeden Preis?

Das Schweizer Gesundheitssystem ist laut einer aktuellen Studie* das beste in Europa, aber auch eines der teuersten. Ideen, um den Kostenanstieg zu dämpfen, gibt es zuhauf. Nicht alle halten einem kritischen Blick stand.

Im Kampf um Wählerstimmen positionieren sich die politischen Parteien mit Initiativen und Vorschlägen zur Senkung der Gesundheitskosten. Denn die steigende Prämienlast bereitet der Bevölkerung Sorgen, das zeigt sich regelmässig in Umfragen.

Die Parteien fokussieren sich ganz auf die Prämien und Kostendämpfung. Die CVP beispielsweise schlägt eine Initiative zur Einführung einer Kostenbremse vor. Vorbild ist die Schuldenbremse beim Bund. Doch der Vergleich taugt nicht. Im Gegensatz zum Bund umfasst das Gesundheitswesen unzählige Leistungserbringer und Zulieferer sowie mehrere Finanzierer. Ein gemeinsames Budget für alle Beteiligten zu erstellen und die Verteilung im Detail zu regeln, ist viel zu aufwändig, wenn nicht sogar unmöglich.

Die FDP und die SVP betonen gerne, durch den Abbau von Bürokratie und die Stärkung der Eigenverantwortung könnten Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden. Dabei vernachlässigen sie das Risiko, dass sich die Qualität der Gesundheitsdienstleistungen verschlechtert. Leidtragende wären die Patienten.

Nicht auf dem Buckel der Patienten sparen

Gute Ideen sind also gefragt. Was sagen die Profis, die tagtäglich im Gesundheitssystem arbeiten? Zum Beispiel die Schweizer Ärztevereinigung FMH: Im Gegensatz zu den Politikern lehnt sie Sparmassnahmen dann ab, wenn Leistungen rationiert und Ausgaben gedeckelt werden: Ärzte wollen ihre Patienten nicht mit der Stoppuhr behandeln. Sie wollen die beste und nicht die günstigste Therapie vorschlagen. Sie wollen Patienten als Individuen und nicht als Kostenfaktor ansehen.

Statt Globalbudget und Zweiklassenmedizin plädiert die FMH für mehr Effizienz im Gesundheitswesen. Zu erreichen ist dieses Ziel unter anderem durch eine einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen (EFAS). Mit der Verlagerung von heute stationär erbrachten Leistungen in den ambulanten Bereich liesse sich laut FMH jedes Jahr eine Milliarde Franken sparen. Im aktuellen System haben die Krankenkassen aber keinen Anreiz dazu. Ein einheitliches Finanzierungssystem würde diesem Problem Abhilfe schaffen.

Ein weiterer Vorschlag der FMH für mehr Effizienz: die Gründung überregionaler Spitalregionen. Statt 26 Gesundheitssysteme zu betreiben, wäre es einfacher, die Schweiz in fünf bis sechs überkantonale Spitalregionen einzuteilen. Überkapazitäten könnte man so abbauen, Doppelspurigkeiten grösstenteils vermeiden – und wahrscheinlich die Qualität anheben.

Eine neue Perspektive einnehmen

Viele Politiker sehen das Gesundheitssystem nur aus der Perspektive der Kosten. Gesundheit ist aber kein Konsumgut. Im Unterschied zum rein ökonomisch geprägten Verhältnis zwischen Käufer und Verkäufer herrscht zwischen Patient und Arzt ein Vertrauensverhältnis. Dieses Vertrauen ist eine Voraussetzung für den Genesungsprozess und darf nicht beschädigt werden. Genau das passiert aber, wenn die Finanzierung von Gesundheitsdienstleistungen durch ein Globalbudget oder eine Kostenbremse geregelt werden soll. In diesem Fall könnte sich der Patient nie sicher sein, ob der Arzt im Interesse seiner Gesundheit handelt, oder ob er finanzielle Anreize im Blick hat.

Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient entspricht auch dem Selbstverständnis der Behandler. Um einem Patienten bestmöglich helfen zu können, muss der Arzt ihn als ganzen Menschen wahrnehmen. Jeder Fall ist komplex und jeder Fall ist anders. Sogar ob jemand als geheilt bezeichnet wird, kann je nach individueller Lebensgeschichte und gesundheitlichen Voraussetzungen des Patienten – z. B. Alter und Lebenswandel – ein jeweils unterschiedliches Mass an Gesundheit bedeuten. Eine nur auf die Finanzen ausgerichtete Reform wird diesen Zusammenhängen nicht gerecht.

* Euro Health Consumer Index 2018

Bildlegende

Um dem Patienten zu helfen, muss die Ärzteschaft ihn als individuellen Menschen wahrnehmen und nicht nach der Stoppuhr behandeln. (Bild: Keystone)

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