Wenn weniger Medizin mehr ist

Ärzte diskutieren mit, wenn es um Einsparungen bei den Gesundheitskosten geht. Dank der Initiative Smarter Medicine vermeiden sie bereits jetzt Behandlungen, die wenig oder keinen Nutzen bringen.

Die Gesundheitskosten sind im Wahlherbst ein brennendes Thema auf Diskussionspodien und in Leserbriefspalten. Die linken Parteien setzen bei der Kostenverteilung an. Sie fordern Mehrausgaben für weitere Prämienverbilligungen. Die bürgerlichen Parteien hingegen gehen davon aus, dass sich die Schweiz ihr Gesundheitssystem langfristig nicht mehr leisten kann. Die CVP will deshalb das Budget begrenzen, die SVP das medizinische Angebot. Und die Freisinnigen wollen mit mehr Wettbewerb das bestehende, gut funktionierende System und dessen Akteure stärken. Soweit die Rezepte der Politiker.

Ärzte wollen ohne Qualitätsverlust sparen

In diesen Diskussionen gehören die Ärzte meistens zu den Kritisierten. Man wirft ihnen vor, selber Teil des Problems zu sein: Sie würden Fehlanreize ausnutzen, ihre hohen Einkommen belasteten das System zusätzlich. Aber die Ärzte haben selber ein grosses Interesse an einem funktionierenden Gesundheitssystem – schliesslich müssen sie tagtäglich damit arbeiten. Im Gegensatz zu den Politikern plädieren die Leistungserbringer für Sparmassnahmen, die nicht zu Lasten der Behandlungsqualität gehen.

Die klügere Medizin

Eine Massnahme, die weder den Zugang noch die Qualität der medizinischen Leistungen tangiert, ist Smarter Medicine. Die 2014 lancierte Initiative macht auf das Thema der Fehl- und Überversorgung aufmerksam. Die Botschaft lautet: Bei gewissen Behandlungen kann weniger Medizin mehr Lebensqualität für die Betroffenen bedeuten.

Mehrere medizinische Fachgesellschaften haben bereits Listen mit häufig vorgenommenen Behandlungen veröffentlicht, die wenig oder keinen Nutzen bringen. Wenn Ärzte die Behandlungen dieser Top-5- Listen vermeiden, spart man nicht nur Kosten. Häufig stellt die Intervention für den Patienten eine Belastung dar, die angesichts des kleinen Nutzens unnötig ist. Patienten und Ärzte sollten so Entscheidungen vermehrt auf Augenhöhe fällen, gemeinsam fragen: Welche Behandlung ist im konkreten Fall sinnvoll? Die Initiative Smarter Medicine wird langsam, aber stetig ausgebaut. Seit 2017 wird sie durch einen Trägerverein unterstützt. Nebst medizinischen Fach- und Berufsorganisationen unterstützen auch Patienten- und Konsumentenorganisationen die Stossrichtung der Kampagne.

«Ambulant vor stationär» konsequent umsetzen

Eine weitere Sparmassnahme, die nicht zulasten der Patienten geht, ist die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Behandlungen (EFAS). Mit der Verlagerung von heute stationär erbrachten Leistungen in den ambulanten Bereich liesse sich laut FMH jedes Jahr eine Milliarde Franken sparen. Damit dies keinen Kostenschub bei den Prämien auslöst, ist aber ein einheitliches Finanzierungsmodell zwingend. Mit EFAS lassen sich zudem die Vorteile und Synergien eines integrierten Versorgungsmodells voll ausschöpfen, indem sich Hausärzte, Fachärzte und Krankenhäuser vernetzen. Studien zeigen, dass dadurch besonders viel eingespart wird. Und zwar besonders bei den chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf- Erkrankungen, die rund 80% der gesamten Behandlungsosten verursachen.

Bildlegende

Bei gewissen Behandlungen kann

weniger Medizin mehr Lebensqualität

für die Betroffenen bedeuten.

Bild: Keystone

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