Weniger Bürokratie, mehr Zeit für die Patienten

Ärztinnen und Ärzte wollen wieder mehr Zeit mit ihren Patienten verbringen statt am Schreibtisch. Das wäre durchaus möglich. Aber die aktuellen Entwicklungen in der Gesundheitspolitik laufen diesen Forderungen zuwider. Wird die Corona-Krise die Diskussion neu lancieren?

Ärzte verbringen immer mehr Zeit am Computer statt am Patientenbett. Und das nicht freiwillig. Grund ist die zunehmende Bürokratie in Arztpraxen und Spitälern. Das ist einerseits ein Problem für die Ärztinnen und Ärzte, die ihren Beruf nicht so ausüben können, wie sie es möchten. Andererseits ist es auch ein Nachteil für die Patienten, weil die Behandelnden weniger Zeit für sie haben. Und schliesslich wirkt es sich auch finanziell aus: Mehr Administration bedeutet mehr Kosten.

Sensibilisierung und konkrete Massnahmen
«Medizin statt Bürokratie!» fordern nun Ärztinnen und Ärzte, unterstützt von der gleichnamigen Kampagne des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (vsao). Die Spitalleitungen und die Leitungen der Weiterbildungsstätten sollen für das Problem sensibilisiert werden; man will zeigen: Gegen die zunehmende Bürokratie ist man nicht einfach machtlos; man kann etwas dagegen unternehmen.

In diesem Sinne hat der vsao systematisch Lösungsmodelle gesammelt und unter www.medizin-stattbuerokratie.ch zusammengetragen. Ein Beispiel aus der ständig wachsenden Liste: Im Hôpital du Jura hat man das Sekretariat der Abteilung Innere Medizin reorganisiert, damit dessen Mitarbeitende die Ärzte entlasten können. Seit Herbst 2019 unterstützt der Verband zudem zwei Kliniken bei einem Pilotprojekt, das die Reduzierung der Administration zum Ziel hat. «Zusammen mit den Assistenzärztinnen und -ärzten vor Ort und mit Hilfe einer spezialisierten Beratungsfirma haben wir Probleme identifiziert und erarbeiten nun massgeschneiderte Lösungen», erklärt Marcel Marti, stellvertretender Geschäftsführer des vsao. Resultate liegen in einigen Monaten vor.

Zwei Stunden administrative Arbeit täglich
Wie nötig diese Bemühungen tatsächlich sind, zeigt die Statistik. Eine Studie im Auftrag der FMH zum Thema Arbeitsplatzzufriedenheit von Assistenz- und Oberärzten1 hat ergeben: In der Akutsomatik tätige Ärzte wenden für Dokumentationsarbeiten rund um das Patientendossier im Schnitt 20 Prozent ihrer Arbeitszeit auf, das entspricht 119 Minuten täglich. Im Vergleich dazu machen medizinische patientennahe Tätigkeiten rund 34 Prozent der Arbeitszeit aus. Assistenzärzte gaben an, sogar gleich viel Zeit für medizinische wie für dokumentarische Aufgaben aufzuwenden.

Die Studie zeigt auch, dass die administrative Arbeit zunimmt: Im Jahr 2011 gaben die Ärzte an, 86 Minuten täglich für Dokumentationsarbeit aufzuwenden, also noch 33 Minuten weniger. In der Rehabilitation sehen die Zahlen ähnlich aus.

Globalbudget und Kostenbremse sind eine schlechte Idee
Die aktuellen Entwicklungen in der Gesundheitspolitik werden das Problem kaum entschärfen. Zum Beispiel die Einführung eines Globalbudgets gemäss den bundesrätlichen Massnahmenpaketen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen: «Zwar wissen wir nicht genau, wie ein Globalbudget oder eine Kostenbremse umgesetzt würden. Sicher ist, wenn weniger Geld zur Verfügung steht, geraten die Ärzte, vor allem junge Ärzte, noch stärker unter Druck als sie ohnehin schon sind», sagt Marcel Marti. Zudem stünden auch weniger Mittel zur Verfügung, um den Zuwachs an Bürokratie zu kompensieren, etwa durch Reorganisationen oder durch eine Aufstockung des Personals.

Corona-Pandemie lanciert die Diskussion neu
Marti ist überzeugt, dass die Erfahrungen während der Corona-Pandemie die Diskussion neu anstossen werden. «Nach dieser Krise werden wir überlegen, was funktioniert hat und was nicht. Genügte die personelle Dotation in den einzelnen Abteilungen? Konnten die Spitäler ihren Auftrag erfüllen? Wurde in der Vergangenheit vielleicht zu viel gespart?» Den Ärzten und dem Pflegepersonal werde in diesen Tagen viel abverlangt, stellt Marti fest. «Und es ist selbstverständlich, dass sie in solchen Extremsituationen beispielsweise längere Arbeitszeiten und kürzere Ruhezeiten in Kauf nehmen. Aber nach der Krise müssen wir über die Bücher gehen.»

Dieser Artikel ist in Kooperation mit dem Swiss Dental Journal der SSO entstanden.

1Erhebung von GFS Bern, Juni/Juli 2019, 1572 Ärztinnen und Ärzte haben teilgenommen. Schweizerische Ärztezeitung 101: 4-6 (2020)

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