«Aus blossem Datensammeln entsteht kein Nutzen»

Digital Health wird oft als Zauberlösung verkauft, endet aber nicht selten als teurer Selbstzweck, wie das gescheiterte elektronische Patientendossier zeigt. Im Interview zeigt Leander Muheim, Geschäftsführer von mediX zürich und Vizepräsident von mediX schweiz, was besser werden muss.

Das Schweizer Gesundheitswesen krankt an vielen Stellen: Kostenwachstum, Fachkräftemangel, offene Tarif- und Vergütungsfragen, alternde Bevölkerung, etc. Spätestens seit dem KI-Boom gilt Digital Health als Zauberlösung für alles. Doch die Digitalisierung «werde immer häufiger zum teuren Selbstzweck, denn digitale Technokraten wüssten nichts von den eigentlichen Problemen und vernichteten jährlich hunderte von Millionen», kritisierte Felix Huber, Präsident der mediX-Ärztenetze, im April 2022. Besonders kritische Worte fand er für das elektronische Patientendossier (EPD): Es sei im Wesentlichen eine nutzlose Ansammlung von PDF-Dokumenten, da es keine strukturierten und keine aktuellen Daten enthalte und das kaum jemand nutze – und obendrauf verursache es enorme Kosten. 

Letzten November hat der Bundesrat eine Neuausrichtung beschlossen: Weg vom EPD – hin zum E-GD (elektronisches Gesundheitsdossier). Zu diesem Anlass hat P+P mit Dr. med. Leander Muheim, Geschäftsführer von mediX zürich und Vizepräsident von mediX schweiz, gesprochen. 

Wie sieht Digitalisierung bei mediX aktuell konkret aus?
Wir unterscheiden bei der Digitalisierung drei Ebenen: In der Mitte steht die operative Ebene in den Praxen – die Praxisinformationssysteme (PIS). Darüber haben wir eine Metaebene, auf der die verschiedenen Praxen mit ihren unterschiedlichen Systemen strukturiert Daten austauschen – diese Ebene ist für uns als Netzwerk zentral. Die dritte und unterste Ebene dient dem digitalen Auftritt gegenüber den Patienten, etwa via Portal oder App. 
Auf Initiative von mediX haben wir gemeinsam mit unseren Mitbewerbern Heureka Health entwickelt. Diese Schnittstellenlösung ermöglicht auf der oberen Ebene den einheitlich strukturierten Austausch der Daten, auch ausserhalb unseres Netzwerks. Aktuell nutzen rund 750 Ärzte diese Lösung; insgesamt haben Ärztenetze mit über 4000 Hausärzten zugesagt, ebenfalls auf diese Technologie zu setzen.
Dank dieser Lösung können die einzelnen Praxen unseres Netzwerks mit den PIS ihrer Wahl arbeiten. In der Schweiz sind bis zu 100 verschiedene Systeme im Einsatz, wobei man bereits mit 15 Systemen > 95% der Ärte abdecken kann. 

«Warum setzt die Schweiz nicht auf ein nationales, einheitliches PIS?»
Vor knapp zehn Jahren haben wir tatsächlich diesen Ansatz verfolgt. Viele Gründe sprechen allerdings dagegen: Die Wechselkosten für die Praxen sind enorm hoch, die betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich und der Schweizer Markt ist zu klein, um eine solche Allzweck-Software zu entwickeln und zu betreiben. 
Es war ein entscheidender Moment, als wir gemerkt haben: Die einzig sinnvolle Lösung ist, die Heterogenität zu akzeptieren – und die verschiedenen Systeme so zu verbinden, dass sie strukturiert miteinander kommunizieren können. Es werden nie alle Praxen dieselbe Software verwenden – und das ist auch nicht erstrebenswert. Diese Erkenntnis stiess die Entwicklung von Heureka Health an. 

mediX-Präsident Felix Huber hat sich im April 2022 sehr kritisch zum EPD geäussert: kein Nutzen, zu wenig Interesse, keine strukturierten und keine aktuellen Daten, im Wesentlichen eine Ansammlung von PDFs. Teilen Sie diese Sicht?
Ja. Die Kernkritik war, dass es im klinischen Alltag keinen Nutzen bringt. Solange ein System den Gesundheitsfachpersonen an der Front keine konkreten Probleme löst, wird es auch nicht angewendet. 

Nun soll alles anders werden: Löst das neue E-GD diese Probleme?
Viele Lösungen stellen den Patienten ins Zentrum – das klingt zwar gut, funktioniert im Alltag aber nur begrenzt. Wenn Menschen gesund sind, beschäftigen sie sich selten aktiv mit dem Aufbau und der Pflege ihrer Gesundheitsdaten. Systeme, die darauf angewiesen sind, scheitern. Der Wechsel weg vom Patienten- hin zum Gesundheitsdossier klingt daher nach einem sinnvollen Schritt. Denn im Zentrum von IT-Anwendungen sollte der Nutzer stehen – und das sind primär die Gesundheitsfachpersonen. 
Entscheidend ist deshalb, dass das E-GD für Gesundheitsfachpersonen im bestehenden Ablauf einen konkreten Nutzen bringt: Kommunikation vereinfachen, Informationen zuverlässig verfügbar machen, Prozesse effizienter gestalten, etc. 
Ein Problem des EPD ist, dass der Aufwand bei denjenigen liegt, die die Daten erfassen, während der Nutzen, sofern er denn vorhanden ist, anderswo anfällt. Eine Neuaufsetzung kann sinnvoll sein – aber der Nutzen muss konkret sein, nicht diffus versprochen werden. 

Ein Schlüsselbegriff ist «strukturierte Daten» statt PDF-Sammlung. Ist das die zentrale Verbesserung?
Das wäre ein klarer Fortschritt und überfällig. Strukturierte, aktuelle Daten wären ein zentraler Schritt – reine Dokumentenablagen helfen zu wenig. Entscheidend bleibt aber, ob die strukturierten Daten so verfügbar werden, dass sie im Alltag wirklich verwendet werden können – ohne zusätzlichen administrativen Aufwand.

Das E-GD soll für alle Personen automatisch eröffnet werden: Ist das ein riesiger Vorteil für Hausärztinnen und Hausärzte?
Die Entwicklung muss sich am Nutzen orientieren. Ich lese «zwischen den Zeilen», dass es bisher zu freiwillig war und man jetzt punktuell mehr Verbindlichkeit schaffen will. Aber am Ende ist die Frage: Was ist der konkrete Nutzen? Man braucht keine «visionäre Selbstdarstellung»; es braucht Lösungen, die Akteure in ihrem bestehenden Alltag tatsächlich nutzen können.
Hausärztinnen und Hausärzte lösen sehr viele Probleme selbst und haben dadurch schon heute eine umfassende Informationsbasis. Der Nutzen einer strukturierten Datenteilung ist besonders dort hoch, wo mehrere Behandelnde beteiligt sind, etwa bei Überweisungen und Rückmeldungen aus Spitälern oder von Spezialistinnen und Spezialisten. Eine breite Verfügbarkeit hilft, weil man sich auf das System abstützen kann – der primäre Nutzen fällt aber häufig nicht bei den Grundversorgenden an. 

Wie blicken Sie auf die Einführung des E-GD?
Es hängt stark von der Umsetzung ab – und auch davon, wie DigiSanté und andere Standards vorankommen. Die Zeitpläne scheinen mir extrem ambitioniert; es wird länger als 2030 dauern, denn regulatorische Prozesse sind oft langwierig. 
Zentral ist die Finanzierung – sowohl beim Aufbau der Infrastruktur als auch später im laufenden Betrieb und in der Nutzung. Digitalisierung braucht einen klaren Business Case: Wer bezahlt Einführung, Betrieb und Weiterentwicklung, bis ein effektiver Mehrwert entsteht? Sonst baut man ein Tool und hofft, dass es sich «irgendwie» trägt – das funktioniert in der Praxis nicht. Und selbst wenn die Finanzierung steht: Aus blossem Datensammeln entsteht noch kein Nutzen. Daten müssen orchestriert, gefiltert und so aufbereitet werden, dass sie im Alltag wirklich verwendbar sind. 

Und wer sollte diese Rolle einnehmen?
In der Praxis ist die koordinierende Rolle häufig bei Hausärztinnen und Hausärzten, weil sie Informationen einholen, bündeln und einordnen. Es ist aber eine Kapazitätsfrage. Wir müssen aufpassen, durch das E-GD keine zusätzliche Last zu erzeugen, etwa indem man eine riesige Menge an gesunden Patienten ins System holt, die aktuell zwar keine Betreuung brauchen, indirekt aber mehr Verwaltungsaufwand auslösen. Die koordinierte Versorgung basierend auf alternativen Versicherungsmodellen und Ärztenetzen stellt in unserem Bereich das zentrale Fundament dar um die Koordination und Entwicklung der Digitalisierung mit Partnern aus Privatwirtschaft und Krankenversicherern voranzutreiben.

Könnten die Gesundheitskosten insgesamt sinken?
Ich bin zurückhaltend bei grossen Versprechen. Ich sehe Potenzial für eine Qualitätsverbesserung – dass Kosten eingespart werden, erachte ich aber eher als unwahrscheinlich. Der Fokus muss darauf liegen, dass man die Ressourcen, die man im Gesundheitswesen hat, wirklich für die Patientenversorgung nutzen kann.
Bei IT-Projekten werden Effizienzgewinne oft überschätzt; Digitalisierung ist eher ein evolutionärer Prozess mit schrittweisen Verbesserungen. 

Was geben Sie Politikerinnen und Politikern mit?
Entscheidend ist, wie viel Mitgestaltung «von unten» zugelassen wird. Setzt der Regulator klare Leitplanken, Standards und Rechtssicherheit, und lässt die konkrete Umsetzung den Akteuren im Feld, entstehen nutzerorientierte Lösungen mit echtem Mehrwert. Dominieren hingegen autoritäre Vorgaben im Sinn einer Einheitslösung, drohen teure Anwendungen ohne Praxisnutzen. Darum: Interoperabilität statt Monolithen, Modularität statt «one size fits all». Und zuerst klären, welches Problem wer hat – inklusive tragfähigem Finanzierungskontext, bis der Nutzen greift. 

 

Die Nutzung des elektronischen Patientendossiers (EPD) blieb unter den Erwartungen. Der Bundesrat hat daher im November 2025 eine andere Richtung eingeschlagen: Aus dem EPD wird das elektronische Gesundheitsdossier (E-GD). Jede Person mit Wohnsitz in der Schweiz erhält automatisch ein Dossier. Wer keines will, kann es löschen lassen. Neben Spitälern und Pflegeeinrichtungen werden neu auch Ärztinnen und Ärzte, Apotheken und weitere ambulante Leistungserbringer verpflichtet, das E-GD zu nutzen. Der Bund wird das schweizweit einheitliche Informationssystem verantworten. Das E-GD soll auf das Jahr 2030 hin eingeführt werden.

Leander Muheim, Vizepräsident von mediX schweiz, sieht wenig Spielraum bei der Kostenoptimierung durch das E-GD: «Bei IT-Projekten werden Effizienzgewinne oft überschätzt.» | Bild: zVg

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