Engpässe verteuern das System

Die Lieferengpässe bei Medikamenten nehmen zu. Spitalapotheker Enea Martinelli erklärt, was das für Auswirkungen hat und wie der globale Pharmamarkt funktioniert.

Kürzlich sagten Sie, die Lieferengpässe für Medikamente seien auf einem Rekordhoch. Wie sehen die Zahlen heute aus?
Derzeit (Januar 2019) haben wir ungefähr 520 Lieferengpässe. In den letzten Wochen ist diese Zahl massiv gestiegen. Bei Medikamenten mit zahlreichen Alternativen ist das nicht so tragisch. Problematisch wird es, wenn auch die Alternativen ausgehen.

Sie erfassen diese Zahlen auf Ihrer Webseite (drugshortage.ch). Gemäss Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) sehen die Zahlen weniger dramatisch aus.
Die Liste des BWL ist im Gegensatz zu meiner selektiv. Das BWL hat bestimmte Wirkstoffe definiert, die es auf die Liste nimmt. Der Fokus liegt auf der Landesversorgung. Bei mir liegt der Fokus auf der Patientenversorgung. Ich will eine übersicht über den Markt bieten.

Wie entstehen Lieferengpässe?
Da gibt es verschiedene Gründe. Zum Beispiel weil sich ein Hersteller zurückzieht oder weil eine Medikamentenfabrik zerstört wird. Die Ursachen sind vielfältig und häufig schwer zu ergründen.

Was sind die Auswirkungen für die Patienten?
Meistens müssen sie das Medikament wechseln. Als junge, gesunde Menschen denken wir: «Das ist doch kein Problem, dann nehme ich eben die rote anstatt die blaue Pille.» Aber die Realität sieht anders aus: Der Durchschnittspatient, der viele Medikamente nimmt,  ist über 70 Jahre alt. Diese Patienten sind relativ schnell verwirrt, wenn ihre Behandlung umgestellt wird. Es besteht die Gefahr, dass sie Medikamente verwechseln oder die falsche Dosis nehmen. Auch für das Pflegepersonal ist ein häufiger Wechsel verwirrend. Wenn man nicht nur das Präparat, sondern auch den Wirkstoff wechselt, sind zusätzliche Untersuchungen notwendig. Das verursacht natürlich Kosten. Aber nicht nur hier entstehen Mehrkosten.

Wo noch?
Engpässe verteuern zuweilen das ganze System. Ein Beispiel: Litalir wird unter anderem bei der Behandlung von chronischer Leukämie eingesetzt. Es ist derzeit in der Schweiz nicht lieferbar. Wir könnten es aus Deutschland beziehen, aber die Krankenkassen machen nicht mit. In der Schweiz kostet eine Monatspackung 102.50 Franken; in Deutschland 233.90 Franken. Die Kassen bezahlen maximal den Schweizer Preis. Wer zahlt die Differenz von über 100 Franken? Der Leistungserbringer, weil die Mehrkosten nicht den Patienten übertragen werden dürfen. Das will der Leistungserbringer natürlich nicht. Wissen Sie, was jetzt passiert? Man steigt auf ein teureres Medikament um. Dieses kostet im Monat rund 2’500 Franken – wird aber von den Kassen bezahlt. Wenn 1’000 Patienten umgestellt werden, sind das Mehrkosten von knapp 30 Millionen im Jahr! Das ist doch unglaublich!

Wieso reagiert niemand?
Anscheinend fehlt das Bewusstsein – in der Politik ebenso wie in der Öffentlichkeit. Die typische Reaktion lautet: «Wir haben in der Schweiz eine grosse Pharmaindustrie. Da gibt es doch keine Engpässe.» Aber die Medikamente kommen meistens nicht aus der Schweiz.

Der Pharmamarkt ist globalisiert.
Genau. Und es gibt nur noch wenige Wirkstoffhersteller; fast keine mehr in Europa.

Warum?
Aus rechtlichen und finanziellen Gründen. Wer ein Generikum auf den Markt bringen will, muss an dem Tag, an dem das Patent abläuft, parat sein. Aber: Während das Patent besteht, darf eigentlich nichts entwickelt werden. Deswegen gliedern die Firmen die Produktion in Länder aus, die es mit dem Patentschutz nicht so genau nehmen. Zum Beispiel Indien oder China. Wenn es nur noch wenige Hersteller gibt, entsteht ein Klumpenrisiko. Als 2017 der Wirbelsturm Maria über Puerto Rico fegte, wurde eine Wirkstofffabrik lahmgelegt. Das spürte die ganze Pharmabranche; insbesondere Staaten mit niedrigeren Medikamentenpreisen. Denn bei einer Verknappung werden zuerst die Länder beliefert, die am meisten zahlen.

Dann haben wir in der Schweiz Glück, weil wir höhere Preise haben?
Bis anhin ja. Mit dem Referenzpreissystem, das der Bund als Massnahme zur Kostendämpfung vorschlägt, riskieren wir, diesen Vorteil zu verlieren. Wenn wir bei den günstigen Produkten den Preis drücken, müssen wir damit rechnen, dass wir nicht mehr beliefert werden. Dann müssen wir trotzdem wieder auf teurere Produkte ausweichen. Das kann nicht die Lösung sein!

Was soll der Bund stattdessen tun?
Er soll bei der Preisgestaltung aufpassen. Damit kann er das Problem der Engpässe gar noch verschärfen. Und der Bund braucht einen Radar, damit er erkennt, wie gravierend das Problem der Lieferengpässe ist.

Wie würden Sie das Gesundheitswesen reformieren?
Man sollte die Anreize so setzen, dass sie auch dem System dienen. Je günstiger beispielsweise ein Präparat ist, desto höher sollte die Marge sein – und zwar in Franken, nicht in Prozent. Dann gibt es einen Anreiz, das günstigere Präparat zu verordnen. Weiter müsste man Boards bilden und therapeutisch einwirken mit Guidelines. So wie es die Initiative Smarter Medicine will.

Dr. pharm Enea Martinelli ist seit 1994 Chefapotheker der Spitäler fmi (Frutigen Meiringen Interlaken), 2012 – 2014 war er Vizepräsident der BDP-Fraktion im Berner Kantonsparlament und 2015 – 2018 Präsident der BDP des Kantons Bern.

Bildlegende

Enea Martinelli: «Medikamente kommen meist nicht aus der Schweiz. Es gibt weltweit nur noch ganz wenige Wirkstoffhersteller – fast keine mehr in Europa!» (Bild: Marco Zanoni)

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