«Es wird wieder sichtbarer, dass ärztliche und pflegerische Leistungen keine Produkte sind»

Gespräch mit dem Soziologen Ulrich Oevermann und der Soziologin Marianne Rychner darüber, wie die Krise unseren Blick auf das Gesundheitswesen verändert und warum sie die aktuelle Diskussion über Patientenverfügungen für problematisch halten.

Herr Oevermann, Frau Rychner, wie wird das Verhältnis zwischen Arzt, Ärztin und Patient von der aktuellen Coronaviruskrise beeinflusst?
Es verändert sich grundsätzlich nichts im konkreten Falle der Erkrankung einer Patientin, warum sollte dies der Fall sein? Es tritt nur deutlicher zutage, was sonst oft vergessen geht, dass es bei ärztlicher Praxis nicht um marktförmige Produkte geht, die gekauft und verkauft werden, sondern um stellvertretende Krisenbewältigung. Genauso, wie Patienten nicht wegen jedem Wehwehchen den Notfall aufsuchen sollen, orientiert sich der Arzt am hippokratischen Eid und damit am Gemeinwohl. Dies tritt nun wieder stärker ins Bewusstsein. Das ist notwendig, damit das für den Genesungsprozess notwendige Vertrauen vorhanden ist. Neben der individuellen Ebene gibt es in der aktuellen Krise nun die kollektive Ebene, dort treten die Ärztinnen und Patienten indirekt in Erscheinung. Die Öffentlichkeit sieht und hört vor allem Virologen und Epidemiologinnen, die als Dienstleister der Politik agieren, die dann entscheidet. Die Vermittlung gelingt Daniel Koch, dem Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG, doch eigentlich sehr gut. Er spricht nicht wie ein Politiker, sondern eher wie ein Arzt.

Die Bedeutung der Pflege war in den letzten Jahren ein grosses Thema in der Schweiz, zu erwähnen ist etwa die Pflegeinitiative. Öffentlich wurde das Thema in erster Linie unter dem Kostenaspekt diskutiert. Wie verändert die Krise den Blick auf den Pflegeberuf?
Der Pflegenotstand, der ja schon bekannt war, ist noch deutlicher sichtbar geworden. Auch hier gilt wie bei der ärztlichen Praxis, dass es sich bei pflegerischen Leistungen nicht um Produkte handelt. Diese Haltung wurde in den letzten Jahren oft als etwas antiquiert belächelt. Dass heute nun aber viele Menschen für Ärzte und Pflegepersonal applaudieren, zeigt, dass diese Leistung etwas Besonderes ist und dass es auch nach dieser Krise wichtig sein wird, sich dessen bewusst zu sein und dies bei der Ausbildung, den Arbeitsbedingungen und der Entlöhnung des Pflegepersonals zu berücksichtigen.

Ist es richtig, wenn nun kommuniziert wird, jeder müsse sich jetzt, im Hinblick auf die Engpässe bei den Beatmungsgeräten, Gedanken machen, ob er künstlich beatmet werden will?
Sicher ist es aus der Sicht der potenziellen Patientin sinnvoll, sich solche Gedanken zu machen und festzuhalten, was man auf keinen Fall will in Grenzbereichen des Machbaren. Das war aber immer schon so. Die Schwierigkeit ist dabei, dass man als Laie nie genau wissen kann, was denn die eine oder andere Massnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich bedeutet. Letztlich ist man auf stellvertretende Krisenbewältigung durch Professionelle angewiesen, den absolut mündigen Patienten halten wir für eine Illusion. Oevermann: Ich selber zum Beispiel habe vor ein paar Jahren, wenn ich mich recht erinnere, festgehalten, dass ich nicht reanimiert und künstlich beatmet werden will, wenn es so weit kommt. Angesichts der aktuellen Epidemie bin ich mir trotz meines Alters aber nicht mehr sicher, und zwar deshalb, weil die Atembeschwerden hier ja offenbar konstitutiv sind für einen schweren Krankheitsverlauf, die Beatmung also die wichtigste Medizin ist. Nun bleibt natürlich die Frage, unter welchen Bedingungen, mit welchen Vorerkrankungen eine Genesung ohne beeinträchtigende bleibende Schäden möglich ist. Wer weiss das im Voraus? Der Arzt, dem ich vertraue, kann es im Zweifelsfall wohl besser einschätzen als ich selber. Die aktuell medial vermittelten Empfehlungen halten wir also für problematisch, nicht nur, weil sie ältere Leute unter Druck setzen können, sondern auch, weil damit suggeriert wird, es existierten objektive Kriterien, die das Abwägen im Einzelfall durch den behandelnden Arzt ersetzen können.

Die Triage bzw. Rationierung waren immer schon Teil der ärztlichen Tätigkeit. Erreichen diese Entscheidungen in der Krise eine neue Qualität?
Solche Entscheidungen sind im Grunde genommen das Alltagsgeschäft von Ärztinnen und Ärzten, selbst in einem guten Gesundheitssystem gibt es immer Dinge, die nicht unbeschränkt vorhanden sind, etwa Zeit. Von einem Arzt, der solche Entscheidungen nicht treffen kann, möchte ich nicht behandelt werden. Ich muss mich jedoch darauf verlassen können, dass der Arzt nicht einfach nach Schema F entscheidet, sondern dass er seine Kenntnisse über den konkreten Fall selbstverständlich in den Entscheidungsprozess einbezieht.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit dem Swiss Dental Journal der SSO entstanden. Das Gespräch fand Ende März statt.


ZU DEN PERSONEN

Prof. Dr. Ulrich Oevermann ist emeritierter Soziologieprofessor der Universität Frankfurt, wo er in den 1960er Jahren als Assistent von Jürgen Habermas am Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie gearbeitet hat. Er hat sich in zahlreichen Forschungsprojekten mit ärztlichem Handeln beschäftigt.

Dr. Marianne Rychner ist Historikerin und Soziologin, sie doziert an verschiedenen Hochschulen in der Schweiz. In ihrer Dissertation «Grenzen der Marktlogik» untersuchte sie die Logik ärztlichen Handelns.

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