Praxisnetzwerke gegen den Hausärztemangel?

In ländlichen Regionen haben Hausärzte grosse Schwierigkeiten, ihre Nachfolge zu regeln. Praxisgruppen mit angestellten Ärzten sind ein immer beliebterer Lösungsansatz. Connie Raif, CEO und Miteigentümerin der Kette Doktorhuus Gruppe AG, und Aldo Kramis, Hausarzt und Eigentümer einer Gemeinschaftspraxis, über Vor- und Nachteile dieses Ansatzes.

Frau Raif, Sie erwerben Einzelpraxen von Ärzten, die keine Nachfolger finden – mit welchen Überlegungen?
Der Hausärztemangel war schon in Zeiten vor dem Coronavirus einer der Brennpunkte in unserem Gesundheitssystem. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits nimmt die Spezialisierung in der universitären Ausbildung weiterhin stark zu. Andererseits scheint der klassische Hausarzt für viele Ärzte an Attraktivität verloren zu haben. Nicht aus medizinischen Gründen, sondern wegen der Rahmenbedingungen, in denen sich Hausärzte heute behaupten müssen. Die Folge ist eine Unterversorgung, insbesondere in vielen ländlichen Regionen der Schweiz.

Wie können Sie als Gruppe dem entgegenwirken?
Da wir als Gruppe Aufgaben wie Personalwesen, Buchhaltung oder Einkauf poolen können, ergibt sich für eine Nachfolgelösung in einer Einzelpraxis eine neue Ausgangslage: Unsere Ärztinnen und Ärzte können sich in erster Linie um ihre Patientinnen und Patienten kümmern. Sie haben mit uns einen attraktiven Arbeitgeber, der ihnen die unternehmerische Freiheit einer KMU offeriert. Bei einer Anstellung in einem Grossbetrieb hätten sie diese Freiheit nicht.

Welche Ärztinnen und Ärzte können sich der Doktorhuus Gruppe anschliessen?
In erster Linie sind es Allgemeinmediziner mit ausreichender Berufserfahrung, die wieder «back to the roots» und ihre Patienten ganzheitlich betreuen möchten.

Setzen Sie Anreize, um der Personalfluktuation entgegenzuwirken?
Mit dem Stichwort «Personalfluktuation» sprechen Sie einen entscheidenden Punkt an. Nicht allen Netzwerken gelingt es, die Mitarbeitenden langfristig an sich zu binden. Ich denke, unser Leistungspaket und die Tatsache, dass wir sehr nah beim einzelnen Arzt und seinem Praxisteam sind, ohne uns hinter Hierarchien zu verstecken, sind zwei entscheidende Faktoren für Ärztinnen und Ärzte, die den Weg zur Doktorhuus Gruppe finden. Die Ärztinnen und Ärzte, die die Nachfolgelösung für ihre Praxis mit uns sicherstellen, haben die Gewissheit, dass wir sorgfältig mit ihrem Patientenstamm umgehen und die Weiterführung der Praxis nahtlos sicherstellen.

Müssen Ärzte bestimmte Kosten- und Leistungsziele erreichen?
Selbstverständlich. Diese setzen wir partnerschaftlich fest.

Haben Sie eine netzwerkinterne Qualitätssicherung?
Unsere Ärztinnen und Ärzte und die MPAs nehmen an den Qualitätszirkeln der lokalen Ärztenetzwerke teil, denen wir angehören.1 Darüber hinaus bieten wir separate Schulungen durch unsere Lieferanten wie z.B. Laborpartner oder Medikamentenlieferanten oder ziehen bei Bedarf auch externe Referenten bei.

1Anmerkung d. Red.: Es gibt aber auch Netzwerke, die nur ärzteeigene Einzel- und Gemeinschaftspraxen aufnehmen.



Kommentar von Aldo Kramis, Leiter Redaktionskommission P+P VEDAG und Hausarzt in einer ärzteeigenen Gemeinschaftspraxis in Emmenbrücke
Frau Raif weist auf ein grosses Problem hin: Auch ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die Mühe haben, eine Nachfolge für ihre Praxis zu finden. In letzter Konsequenz können sie gezwungen sein, ihre Selbstständigkeit aufzugeben und sich einer Kette anzuschliessen.

Das kann eine Lösung sein: Es gibt viele positive Beispiele, in denen Praxisteam und Patienten nach der Übernahme durch eine Praxisgruppe zufrieden sind. Die Administration wird extern erledigt, man kann eventuell Kosten sparen und muss das unternehmerische Risiko nicht alleine tragen. Die Nachfolge ist gesichert und man muss nicht alles aufgeben, was man über die Jahre aufgebaut hat.

Es läuft aber nicht immer so reibungslos. Mir sind Fälle bekannt, in denen es nach der Übernahme einer Praxis durch eine Kette zu Problemen kam. Man hört von Fluktuation unter dem Personal und Ärzten, weil der Kostendruck aufs Personal abgewälzt wird – grössere Strukturen allein beseitigen den Fachkräftemangel nicht. Hohe Fluktuationen erschweren die hausärztliche Vertrauensbeziehung. Es gibt sogar Beispiele, in denen pensionierte Ärzte ihre eigene Praxis wieder übernehmen und weiterpraktizieren, da die Nachfolge nicht funktioniert hat und die Leute im Dorf den Arzt angefleht haben.

Wenn eine Praxisgruppe nicht komplett auf Profit getrimmt wird und Ärzte freie, unabhängige Entscheide fällen, kann eine Gruppe gut funktionieren. Aber: sie darf nicht zur einzigen Lösung werden, um die hausärztliche Versorgung auf dem Land zu garantieren. Der Hausärztemangel muss bekämpft werden, damit es nicht zum Ausverkauf der unabhängigen Ärzteschaft kommt. Dafür braucht es unternehmerisches Flair und politische Fördermassnahmen.

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