Qualität wird zur Staatsaufgabe

Ab Januar 2021 tritt der neue Qualitätsartikel in Kraft. Ab dann bestimmt eine eidgenössische Kommission über die Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen. Ihre Machtfülle sorgt für Kritik.

Über Jahre waren Spitäler, Ärzte und Versicherer vornehmlich selbst für die Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen verantwortlich. Sie haben eigene Programme und sogar ganze Organisationen aufgebaut, wie die Schweizerische Akademie für Qualität in der Medizin (SAQM). Ab nächstem Jahr bestimmt der Bund. So will es der Qualitätsartikel im Krankenversicherungsgesetz, der Anfang 2021 in Kraft tritt.

Vorbehalte der Kantone
Der neue Gesetzesartikel fördere eine systematische Herangehensweise, bringe mehr Verbindlichkeit und mehr Koordination, ist BAG-Vizedirektor Thomas Christen überzeugt: «Leistungserbringer und Versicherer sind angehalten, Qualitätsverträge abzuschliessen.» Begleitet und beraten werden die Akteure von einer eidgenössischen Qualitätskommission, einem neu zu schaffenden Gremium.

Die Kommission wird mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen ausgestattet. Sie berät Akteure, koordiniert ihre Aktivitäten, rapportiert dem Bundesrat, vergibt Studienaufträge und finanziert nationale und regionale Projekte zur Qualitätsentwicklung. Diese Machtfülle sorgt für Kritik. Vorbehalte äussert die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren GDK: Für die Organisationen, die sich bereits heute für die Qualitätssicherung einsetzen, können sich Probleme ergeben. Es bestehe die Gefahr, dass bewährte und über Jahre aufgebaute Akteure in ihrer Existenz bedroht werden.  

Fragmentierung des Systems
So berechtigt diese Befürchtung ist, so eindeutig sind auch die Schwierigkeiten des bestehenden Systems. Selbst Qualitätsmanager von grossen Universitätsspitälern räumen Versäumnisse ein. Bislang sei es nicht gelungen, schweizweite, umfassende Standards zu etablieren. Neben der Schweizerischen Akademie für Qualität in der Medizin (SAQM) existieren zahlreiche Register und Programme. Die Qualitätsentwicklung sei in der Schweiz zu fragmentiert. Es brauche eine Harmonisierung bestehender Programme. 

Patientenerfahrungen stärker berücksichtigen
Qualitätsentwicklung ist nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich eine Herausforderung. Peter Berchtold, Vizepräsident Schweizerische Stiftung Patientenorganisation SPO, nennt ein Grunddilemma: «Patienten können Erfahrungen schildern, aber sie können medizinische Qualität nicht beziffern.» Doch viele Qualitätsprogramme fokussieren stark auf den Outcome medizinischer Behandlungen. Erfahrungen der Patienten werden wenig erfasst und erforscht. Für Berchtold steht fest: Qualitätsindikatoren sollten auch psychologische und soziale Fähigkeiten der Leistungserbringer abbilden. Gerade bei chronischen, unklassifizierbaren Erkrankungen sei weniger medizinische Expertise gefragt, sondern das Einfühlungsvermögen von Ärztinnen, Ärzten und Pflegenden stehe im Vordergrund. Künftige Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen muss Patientenerfahrungen stärker Rechnung tragen, fordert Berchtold.

Kommission muss bestehende Akteure einbinden
Das Parlament hat die Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen politisch gestärkt. Der Bund stellt Millionen für Qualitätsprogramme zur Verfügung und schafft zwischen Versicherern und Leistungserbringern Verbindlichkeiten. Mit der eidgenössischen Kommission entsteht ein neuer starker Akteur, der bestehende Organisationen konkurrenziert. Vieles wird davon abhängen, wie die Kommission personell zusammengesetzt wird und wie gut es ihr gelingt, bestehende Akteure und ihre Programme einzubinden. Dessen ist sich auch das zuständige Bundesamt bewusst. BAG-Vizedirektor Thomas Christen betont: «Qualität kann nicht vom BAG verordnet werden. Qualität muss sich bottom-up entwickeln, als Resultat eines partizipativen Prozesses.

Der Einbezug aller Akteure ist wichtig. Entscheidender ist aber, dass das wahre Ziel nicht aus den Augen verloren geht: Qualitätsentwicklung – auch eine staatlich gelenkte – muss immer dem Patienten dienen.  

 

Stiftung für Qualitätsentwicklung in der ambulanten Medizin
Das Qualitäts-Basis-Modul (QBM) macht die ärztliche Qualität in der Praxis sichtbar. Ärzte und ihr Praxis-Team erheben periodisch über eine Internet- Plattform Qualitätsdaten. Zudem werden einmal jährlich Daten via Patienten-Fragebogen generiert. Nach jeder Erhebungsphase finden Auswertungs- Workshops statt. QBM ist ein Produkt des VEDAG. Es wurde von Ärzten entwickelt und von Gesundheitsexperten sowie Versicherungsvertretern evaluiert. 

Bildlegende

Foto: Keystone

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