Sie blieben zu Hause

Coronakrise: Von der Über- zur Unterversorgung? Die Covid-19-Pandemie führte zu einer paradoxen Situation. Mitten in einer der grössten Gesundheitskrisen meldeten Spitäler Kurzarbeit an. Ärzte, vor allem Fachärzte, klagten über leere Praxen. Derweil liess die Armee Soldaten und Zivilschützer einrücken, um in den Spitälern auszuhelfen.

Ausgerechnet während der Coronakrise gab es im Gesundheitssektor eine Kurzarbeitswelle. Gemäss Schätzungen waren über 20’000 Personen im Gesundheitswesen in Kurzarbeit. Grund ist einerseits die Verordnung des Bundes, die den Spitälern verbot, Wahleingriffe vorzunehmen. Nur Notfalloperationen waren erlaubt. Ein weiterer Grund ist die Kommunikation des Bundes. Gebetsmühlenartig wiederholten der Bundesrat und die Vertreter der BAG die Aufforderung: Bleiben Sie zu Hause! Obwohl es zu diesem Zeitpunkt eine richtige und wichtige Botschaft war, zeigte sich nach einigen Wochen die Kehrseite der Medaille: Viele Menschen mieden Arzt- und Zahnarztpraxen sowie Notfallstationen, obwohl sie medizinische Hilfe brauchten.

Sechs von zehn Arztbesuchen wurden verschoben
Die Zahlen sind erschreckend: In den ersten Wochen des Lockdowns wurden sechs von zehn Arztbesuchen und medizinischen Behandlungen nicht wahrgenommen. Das zeigt eine Befragung der ZHAW und der Universität Zürich. Die Termine beim Haus- oder Zahnarzt, im Spital, beim Therapeuten oder Psychologen wurden sowohl von den Patienten als auch von den Gesundheitsfachpersonen abgesagt. 

Gemäss einer Hochrechnung des British Journal of Surgery wurden während zwölf Wochen weltweit rund 28 Millionen Operationen abgesagt oder verschoben. In der Schweiz waren es während dieser drei Monate rund 100 Operationen pro Tag. 90 Prozent dieser abgesagten Behandlungen waren geplante Termine, zum Beispiel orthopädische Eingriffe und Kontrolluntersuchungen. Ein Prozent der Fälle wären aber sogar als Notfall einzustufen. 

Wo bleiben die Notfälle?
Am 4. April, also auf dem Höhepunkt der Ansteckungswelle, stellte die Schweizerische Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin (SGNOR) Erstaunliches fest: Die Notfallstationen behandelten weniger Patienten und Patientinnen als in einem vergleichbaren Zeitraum im Vorjahr. Natürlich gab es weniger Sport- und Arbeitsunfälle. Aber es wurden auch weniger Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten behandelt als vor der Pandemie.

Offenbar blieben die Menschen trotz schwerwiegender gesundheitlicher Störungen zu Hause. Die SGNOR rief deshalb öffentlich dazu auf, bei typischen Symptomen nicht auf Besserung zu warten, sondern einen Arzt zu kontaktieren: «Verspätetes Behandeln von Herzinfarkten oder Knochenbrüchen kann sich fatal auswirken.» So berichtet beispielsweise eine Augenärztin von einer Patientin, die auf einem Auge ein eingeschränktes Sehvermögen feststellte. Wegen der Pandemie liess sie sich aber erst nach sechs Wochen untersuchen. Da war es bereits zu spät. Das Auge war irreparabel beschädigt.  

Auch das Auslassen von Kontrolluntersuchungen bei chronischen Krankheiten kann mittel- und langfristig negative Folgen haben. Zwar lassen sich gewisse Vorsorge- und Kontrolltermine um ein paar Wochen verschieben. Schmerzpatienten, Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck sowie Herzpatienten sind jedoch nicht immer gut eingestellt und sollten turnusmässig zum Arzt gehen. Häufig sind ältere Personen von diesen chronischen Krankheiten betroffen. Und genau diesen riet das BAG besonders dringlich: Bleiben Sie zu Hause! Hier wäre eine differenziertere Kommunikation wünschenswert gewesen.  

Kanton wirbt für Arzt- und Spitalbesuch
Ärzte und Gesundheitsfachleute haben auf diese Probleme aufmerksam gemacht, in den Medien, aber auch mit einem offenen Brief an den Bundesrat. Sie befürchteten, dass ernste Erkrankungen nicht erkannt würden. Ausserdem warnten sie vor einer Zunahme von Angststörungen und Panikattacken. Ende Mai lancierten der Kanton Bern und seine Gesundheitsinstitutionen sogar eine Kampagne. Diese soll die Bevölkerung sensibilisieren, wenn nötig einen Arzt oder das Spital aufzusuchen.

Über- oder unterversorgt?
Vor der Pandemie ermahnten Politiker und Mediziner die Bevölkerung regelmässig, nicht wegen jeder Bagatelle die Notfallstation aufzusuchen, um Kosten zu sparen. Nun kehrte sich die Situation ins Gegenteil. Die Menschen hielten Schmerzen zu lange aus, nahmen Beschwerden nicht ernst und riskierten so langfristige gesundheitliche Probleme. Die finanziellen Auswirkungen dieses Verhaltens werden sich erst im Lauf des Jahres zeigen. 

Bildlegende

Foto: Keystone

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