«Was würden Sie tun?»

Der Bundesrat prüft derzeit Massnahmen, um das Kostenwachstum im Gesundheitswesen zu dämpfen. Politik+Patient wechselte die Perspektive – weg von der Politik, hin zu den Akteuren. Herausgekommen ist zumindest ein konsensfähiger Vorschlag.

Fragt man neun Experten des Gesundheitswesens nach dem wichtigsten Reformansatz, so erfreut sich ein Vorhaben besonders grosser Zustimmung: die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen. Diese eliminiere zentrale Fehlanreize und sei noch dazu ohne Qualitätseinbussen umsetzbar. Abgesehen davon zeigen sich bei den Antworten die jeweils akteursgeprägten Sensibilitäten. Aber lesen Sie selbst, was Leistungserbringer, Leistungsempfänger und Finanzierer auf folgende zwei Fragen geantwortet haben:

1. Welches ist das grösste Problem im aktuellen System?
2. Welches ist der wichtigste Reformansatz?
 

Leistungserbringer

Jürg Schlup, Präsident der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH

«1. Es gibt in unserem System nicht DAS Problem und darum auch nicht DIE Lösung, aber es gibt Stellschrauben, die wichtiger sind als andere. Dazu gehört, dass die unterschiedliche Finanzierung von Leistungen und die Interessenskonflikte der Kantone einer effizienten Patientenversorgung oft im Wege stehen.» «2. Die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen: Dank mehr ambulanter Behandlungen und integrierter Versorgung würden Milliarden gespart – ohne Zugang und Qualität zu beeinträchtigen. Zudem brauchen wir überkantonale Spitalregionen und eine Reduktion der Mehrfachrolle der Kantone.»

Isabelle Moret, Präsidentin Spitalverband Hplus

«1. Hauptproblem ist die unterschiedliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen. Hinzu kommt, dass der ambulante Tarif TARMED nicht sachgerecht ist und dringend überarbeitet werden muss. Daraus resultiert eine konstante Unterdeckung ambulanter Leistungen im Spital, einem wachsenden Sektor.» »2. Die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen EFAS würde vieles vereinfachen, beispielsweise könnten Fehlanreize eliminiert werden. Für H+ ist der Einbezug der Pflegeleistungen in EFAS zentral, so wie dies auch die GDK fordert. Der Bundesrat hat derzeit den Auftrag dies zu prüfen.»

Fabian Vaucher, Präsident Schweizerischer Apothekerverband pharmaSuisse

«1. Heute erhalten die ambulanten Leistungserbringer nur vergütet, was sie direkt am Patienten erbringen. Das verhindert interprofessionelle Zusammenarbeit, da nur die Arbeit im eigenen Silo einen Ertrag abwirft. Der Patient wird nicht gemeinsam versorgt; es erfolgt ein Kampf um Mengen, statt um Qualität und Nutzen.» «2. Die Apotheken helfen, die Kostenspirale im Zaum zu halten. Als erste Anlaufstelle beraten sie Jung und Alt bei allen einfachen gesundheitlichen Fragen rasch und ohne Voranmeldung. Folgerichtig hat der Gesetzgeber die Kompetenzen der Apothekerinnen und Apotheker erhöht, denn sie entlasten Hausärzte und Notfallaufnahmen.»


Leistungsempfänger

Susanne Hochuli, Präsidentin Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz

«1. Dass wir als gesunde und kranke Zwangsversicherte und Steuerzahlende vor allem durch diejenigen im Gesundheitssystem vertreten sind, die daran verdienen als Leistungserbringende, Versicherer oder als von diesen Mandatierten.» «2. Es braucht eine systemrelevante, finanziell und politisch unabhängige Organisation, welche die Interessen der Patientinnen und Patienten und der Prämienzahlenden wahrnimmt. Hier könnten wir vom Umweltbereich lernen: Dort gibt es drei systemrelevante Organisationen. Im Gesundheitsbereich keine einzige.»

Valérie Piller Carrard, Präsidentin Pro Familia

«1. Die Schweiz gehört zu den Ländern, in denen die Versicherten am meisten zum Gesundheitssystem beisteuern. Mit jährlich steigenden Krankenkassenprämien steigen diese Kosten. Einkommensschwache Personen und Familien werden dadurch erdrückt. Ganz zu schweigen von den Plänen zur Erhöhung des Mindestselbstbehalts.» «2. Die Familien müssen besser unterstützt werden, insbesondere durch die kostenlose Kinderkrankenversicherung und durch die Verpflichtung der Kantone ihre Beiträge für die Prämienverbillingung zu erhöhen.
Reformen müssen dazu beitragen, die Kosten für die Familien zu stabilisieren und zu senken.»

Werner Schärer, Direktor Pro Senectute Schweiz

«1. Menschen wollen zu Hause alt werden. Dort haben sie ihr soziales Netz und können auf die Hilfe von Nachbarn oder Angehörigen zurückgreifen. Heute gehen die Kosten für die Betreuung zu Hause zu Lasten der Betroffenen, die sich das häufig nicht leisten können und dann verfrüht ins Altersheim eintreten.» «2. Pro Senectute würde es begrüssen, wenn in der aktuellen Diskussion zur Care-Arbeit vermehrt die gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie die Finanzierung der Betreuung im Fokus ständen. Dazu gehört aus unserer Sicht auch die Schaffung von Anreizen, damit die Langzeitpflege für Betreuende attraktiver wird.»
 

Finanzierer

Josef Dittli, Präsident Curafutura

«1. Das grösste Problem sind die vielen Partikularinteressen im System. Zu Ungunsten der Prämienzahlenden begünstigen diese eine grosse Zahl an Fehlanreizen und sind äusserst schwierig zu korrigieren.» «2. Der wichtigste Reformansatz ist die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen (EFAS). EFAS eliminiert zentrale Fehlanreize und setzt unser gutes Gesundheitssystem auf ein gesundes, zukunftsfähiges Fundament.»

Michael Jordi, Zentralsekretär Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren

«1. Unser Gesundheitswesen ist gut, aber mit einigen Ineffizienzen behaftet, beispielsweise veraltete Tarifsysteme oder unnötige Behandlungen. Zudem führen die zunehmende Spezialisierung der Medizin und unser zersplittertes Gesundheitssystem zu immer mehr Schnittstellen, welche nur ungenügend wieder «genäht», d.h. zusammengeführt werden.» «2. Für eine optimierte Versorgung und zur Kostendämpfung gibt es nicht einen Reformansatz, sondern es braucht einen Strauss an Massnahmen: Konkret, heute und ohne Gesetzesänderung lässt sich der Ansatz «ambulant vor stationär» umsetzen, wo immer dies medizinisch möglich ist. Das Tarifsystem muss darauf abgestimmt werden.»

Heinz Brand, Präsident Santésuisse

«1. Das grösste Problem ist die Kostenentwicklung. Löhne und Renten vermögen den Kosten nicht mehr zu folgen. Ohne wirksame Massnahmen werden sich die Ausgaben pro Kopf in 20 Jahren auf 8000 Franken verdoppeln. Eine wichtige Ursache ist die Ineffizienz! 20 % der medizinischen Leistungen sind überflüssig.» «2. Es braucht mehr Qualitätswettbewerb, mehr Transparenz bei der Qualität gegenüber den Patientinnen und Patienten. Wir müssen die Qualitätsarbeit vorantreiben, heisst die Effizienz verbessern. Überflüssige Leistungen werden dadurch seltener, was spürbare finanzielle Einsparungen für die Bevölkerung bedeutet.»

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