«Wir müssen rechtzeitig andere Wege finden»

Wie lange die wird die Corona-Krise die Welt noch beschäftigen? Sicher ist: Schon jetzt haben wir viel über die Stärken und Schwächen unseres Gesundheitswesens gelehrt. Was genau, haben wir verschiedene Expertinnen und Experten gefragt.

Dr. med. Jürg Schlup, Präsident der FMH: «Unsere Gesundheitsversorgung ist gut aufgestellt und leistungsfähig.»
Jürg Schlup stellt der Schweiz ein positives Zwischenzeugnis in der Bewältigung der Krise aus: «Unsere Gesundheitsversorgung ist in allen Versorgungsbereichen im internationalen Vergleich gut aufgestellt und leistungsfähig. » Die Digitalisierung sei durch die Corona- Krise vorangetrieben worden: Das von der FMH zu Beginn des Lockdowns kostenlos bereitgestellte Tool für sichere Videokonsultationen wird von der Ärzteschaft rege genutzt. 

Eine der grössten Schwierigkeiten, die sich bisher gezeigt habe, war der Mangel an Schutzmaterial, Desinfektionsmittel und Medikamenten. Auch das Verbot nicht dringender medizinischer Untersuchungen und Behandlungen verursachte Probleme: «Wegen dieses Verbots konnten Arztpraxen in der Schweiz durchschnittlich nur noch ein Drittel der Patienten behandeln. » Arzttermine hinauszuschieben, könne jedoch Risiken mit sich bringen: «So können schwere Verläufe von Krankheiten entstehen.» 

Die bisherigen Erfahrungen lassen hoffen, dass der Versorgungssicherheit zukünftig eine höhere Priorität zugemessen wird, so Schlup. «Dazu gehören mehr europäische Absprachen genauso wie die verstärkte Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz. Aber auch die Informationswege und Meldesysteme müssen verbessert und Digitalisierung und Telemedizin gefördert werden, wenn wir weiterhin – auch in Krisensituationen – von einem hochstehenden Gesundheitswesen profitieren wollen.» 
 

Drs. med. Gabriela Wicki, Aldo Kramis und Christian Buchwalder, Hausärzte und Mitglieder der Redaktionskommission P+P: «Die dezentrale Grundversorgung hat viel zur Bewältigung der Krise beigetragen.»
In den Hausarztpraxen war während der Krise grosse Flexibilität nötig. «Die Hausärzte haben eine wichtige Rolle in der Bewältigung der Krise gespielt: Mit niederschwelliger Erreichbarkeit, Präsenz vor Ort und häufigen telefonischen Beratungen», so Christian Buchwalder. Man war mit reihenweise verunsicherten Patienten mit Covid-19-Symptomen konfrontiert, die zu behandeln waren, ohne sich selbst und die anderen Patienten zu gefährden – trotz der grossen Schwierigkeiten, ausreichend Schutz- und Testmaterial zu bekommen. 

Die Politik sei darauf ungenügend vorbereitet gewesen, wie Aldo Kramis, Hausarzt in Luzern, zusammenfasst: «Der Pandemieplan 2018 ist nie zu Ende gedacht und organisiert worden.» Eine Rolle bei diesen Schwierigkeiten habe zudem die Kommunikation gespielt: Es gab, so Gabriela Wicki: «viele Informationskanäle und doch keine klaren Aussagen»; für die Hausärzte war schwer abzuschätzen, wen sie noch behandeln durften und wen nicht. Zum gesundheitlichen kommt hier ein finanzieller Schaden: Praxen wie Spitäler mussten wegen fehlender regulärer Operationen und Sprechstunden Kurzarbeit anmelden. 

Vieles sei auch gut gelaufen. Es gab viel Solidarität und Akzeptanz der Massnahmen durch die Bevölkerung. Zu hoffen sei, dass aktuelle Reformideen nun unter neuen Gesichtspunkten bewertet und diskutiert werden. «Die dezentrale, ausgezeichnete Grundversorgung durch unsere Praxen hat viel dazu beigetragen, dass Spitäler und stationäre Versorgungsysteme nicht an ihr Limit kamen.» 


Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt Notfallzentrum am Inselspital Bern: «Nichts wird mehr normal sein, für sehr lange Zeit.»
Aristomenis Exadaktylos sieht eine Schwachstelle der Schweiz in der mangelnden Phantasie, sich im Vorfeld eine solche Krise vorzustellen – obwohl es, gerade vonseiten der Notfall- und Rettungsmedizin, warnende Stimmen gab. Dennoch: «Wir können stolz sein auf ein Gesundheitssystem, das sehr hoch entwickelt ist, mit sehr gut ausgebildeten Ärzten und einer sehr guten Infrastruktur.» 

Das System habe sich als resistent erwiesen. «In kurzer Zeit liessen sich unwahrscheinlich viele Spitalbetten zur Verfügung stellen, die wir gottseidank nicht alle genutzt haben.» Auch die Hausärzteschaft habe grosse Leistungen erbracht und mit viel Geduld und Kreativität dafür gesorgt, dass ihre Patienten weiter versorgt wurden. 

Für einen Ausblick sei es etwas früh, doch er sieht in der Corona-Krise die Chance zur digitalen Wende im Gesundheitswesen: «Fast bis zuletzt mussten wir Faxe ans BAG schicken, bis zur Mitte der Pandemie konnten wir nur schätzen, wie viele Patienten erkrankt sind.» Auch das Potenzial der Telemedizin sei jetzt noch deutlicher: «Mit einem funktionierenden System von Ferndiagnosen hätten sehr viele Patienten von zuhause aus angewiesen und medizinisch versorgt werden können.» Insbesondere erhofft er sich Lerneffekte vonseiten der Politik und der Gesellschaft. «Die grösste Gefahr ist, dass man jetzt denkt: Das war ja gar nicht so schlimm. Doch es ist nicht vorbei. Nichts wird mehr normal sein, für sehr lange Zeit. Wir müssen uns jetzt fragen: Können wir unser ganzes Gesundheitssystem noch einmal so auf eine Pandemie reduzieren, oder müssen wir rechtzeitig andere Wege finden?» 


Prof. Dr. Bettina Borisch, Professorin für Public Health an der Universität Genf: «Gesundheit passiert nicht erst, wenn ich ins Spital komme.»
 Bettina Borisch sieht als Professorin am «Institute for Global Health» vor allem globale Schwachstellen: Expertinnen und Experten der WHO hätten schon lange vor einer solchen Pandemie gewarnt. «Doch selbst als der Notstand ausgerufen wurde, haben die Regierungen einzelner Länder das für nationale Polarisierungen ausgenutzt und so wichtige Energien gebunden. » Solche Polarisierungen – «wie auch die angebliche Wahl zwischen Wirtschaft und Gesundheit » – hätten in der Krise ihre Schädlichkeit gezeigt.

Innerhalb der Schweiz habe die Zusammenarbeit funktioniert, und wie man an den Zahlen sieht, sei die Krise gut gemeistert worden. Dafür lobt sie den Bundesrat – und auch die Bevölkerung: «Diese Geschehnisse waren plötzlich und unerwartet, hier haben alle bewundernswert viel Flexibilität gezeigt! Viele haben sich engagiert und den Schwächeren geholfen. Die Krise hat mein Menschenbild positiv beeinflusst.» 

Ausbaubedarf sieht sie in der Schweizer Public Health: «Mit 26 wenig vernetzten Kantonsarztämtern ist sie sehr fragmentiert. Durch Lücken in den Meldesystemen konnten kantonale Daten nur mit Verzögerung vom BAG aufbereitet werden.» Zudem müsse in der Bevölkerung mehr Verständnis für Gesundheit aufkommen, um gefährliche Verläufe durch chronische Krankheiten zu vermeiden. «Gesundheit passiert nicht erst, wenn ich ins Spital komme, sondern im Gegenteil überall in meinem Leben, wenn ich so gesund wie möglich lebe.»
 

Die Gespräche fanden im Juni und Juli 2020 statt.

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