
«Aus blossem Datensammeln entsteht kein Nutzen»
Digital Health wird oft als Zauberlösung verkauft, endet aber nicht selten als teurer Selbstzweck, wie das gescheiterte elektronische Patientendossier zeigt. Im Interview zeigt Leander Muheim, Geschäftsführer von mediX zürich und Vizepräsident von mediX schweiz, was besser werden muss.
Leander Muheim, in den Schweizer Praxen und Spitälern sind rund 100 verschiedene Praxisinformationssysteme (PIS) im Einsatz. Das erschwert den Austausch von strukturierten Gesundheitsdaten. Warum setzt die Schweiz nicht auf ein nationales, einheitliches PIS?
Vor knapp zehn Jahren haben wir bei mediX diesen Ansatz verfolgt. Viele Gründe sprechen allerdings dagegen: Die Wechselkosten für die Praxen sind hoch, die betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Bedürfnisse sind zu unterschiedlich und der Schweizer Markt ist zu klein. Dann kamen wir zur entscheidenden Einsicht: Die einzig sinnvolle Lösung ist, die Heterogenität zu akzeptieren – und die verschiedenen Systeme so zu verbinden, dass sie strukturiert miteinander kommunizieren. Es werden nie alle Praxen mit derselben Software arbeiten – und es ist auch nicht erstrebenswert. Die Erkenntnis war der entscheidende Auslöser für die Entwicklung von Heureka Health, einer Schnittstellenlösung, die mediX gemeinsam mit Mitbewerbern entwickelt hat. Sie ermöglicht den einheitlich strukturierten Austausch der Daten, auch ausserhalb unseres Netzwerks.
Das Problem des strukturierten Austausches von Daten ist auch eine Herausforderung beim elektronischen Patientendossier (EPD). mediX-Präsident Felix Huber hat sich zum EPD kritisch geäussert: Im Wesentlichen sei es eine nutzlose Ansammlung von PDF. Teilen Sie diese Sicht?
Ja. Die Kernkritik war, dass es im klinischen Alltag keinen Nutzen bringt. Solange ein System den Gesundheitsfachpersonen an der Front keine konkreten Probleme löst, wird es auch nicht angewendet.
Nun soll alles anders werden: Löst das neue elektronische Gesundheitsdossier (E-GD) die Probleme?
Eine Neuaufsetzung kann sinnvoll sein – wenn der Bundesrat diese nutzt, um verbindliche Standards und günstige Rahmenbedingungen zu schaffen. In der Rolle des IT-Unternehmers sehe ich den Bund jedoch nicht. Entscheidend wird am Ende sein, ob das E-GD im Alltag einen spürbaren Nutzen bringt. Viele Digitalprojekte stellen den Patienten ins Zentrum. Das klingt zwar gut, funktioniert in der Praxis jedoch nur begrenzt: Solange Menschen gesund sind, pflegen sie ihre Gesundheitsdaten selten aktiv. Systeme, die darauf angewiesen sind, scheitern. Im Zentrum müssen vielmehr die Nutzer stehen, die damit täglich arbeiten – die Gesundheitsfachpersonen. Ihnen muss das E-GD bei bestehenden Abläufen einen konkreten Mehrwert liefern. Strukturierte und aktuelle Daten wären ein grosser Schritt nach vorn. Entscheidend bleibt jedoch, ob diese Informationen so verfügbar sind, dass sie im klinischen Alltag wirklich genutzt werden können – ohne zusätzlichen administrativen Aufwand.
Wie blicken Sie auf die Einführung des E-GD?
Es hängt stark von der Umsetzung ab – und auch davon, wie DigiSanté und deren geplante Standards vorankommen. Die Zeitpläne scheinen mir extrem ambitioniert; es wird länger als 2030 dauern, denn regulatorische Prozesse sind oft langwierig. Entscheidend ist, wie viel Mitgestaltung «von unten» zugelassen wird. Setzt der Regulator klare Leitplanken, Standards und Rechtssicherheit, und überlässt die konkrete Umsetzung den Akteuren im Feld, entstehen nutzerorientierte Lösungen mit echtem Mehrwert. Dominieren hingegen autoritäre Vorgaben im Sinn einer Einheitslösung, drohen teure Anwendungen ohne Praxisnutzen.
Zentral ist die Finanzierung – sowohl beim Aufbau der Infrastruktur als auch später im laufenden Betrieb und in der Nutzung. Es muss klar sein, wer Einführung, Betrieb und Weiterentwicklung bezahlt, bis ein effektiver Mehrwert entsteht. Sonst baut man ein Tool und hofft, dass es sich «irgendwie» trägt – das funktioniert in der Praxis nicht. Und selbst wenn die Finanzierung steht: Aus blossem Datensammeln entsteht noch kein Nutzen. Daten müssen orchestriert, gefiltert und so aufbereitet werden, dass sie im Alltag wirklich verwendbar sind.
Und wer sollte diese Rolle einnehmen?
In der Praxis ist die koordinierende Rolle häufig bei den Hausärzten, weil sie Informationen einholen, bündeln und einordnen. Es ist aber eine Kapazitätsfrage. Wir müssen aufpassen, durch das E-GD keine zusätzliche Last zu erzeugen, indem man die gesunden Patienten ins System holt, die aktuell zwar keine Betreuung brauchen, indirekt aber mehr Verwaltungsaufwand auslösen. Der Fokus muss darauf liegen, dass man die Ressourcen, die man im Gesundheitswesen hat, wirklich für die Patientenversorgung nutzen kann. Ausserdem stellt sich die Frage, wie und von wem der Zusatzaufwand entschädigt wird.
Könnten die Gesundheitskosten durch das E-GD insgesamt sinken?
Bei IT-Projekten werden Effizienzgewinne oft überschätzt. Ich sehe Potenzial für eine Qualitätsverbesserung – dass Kosten eingespart werden, erachte ich aber eher als unwahrscheinlich.
Die Nutzung des elektronischen Patientendossiers (EPD) blieb unter den Erwartungen. Der Bundesrat hat daher im November 2025 eine andere Richtung eingeschlagen: Aus dem EPD wird das elektronische Gesundheitsdossier (E-GD). Jede Person mit Wohnsitz in der Schweiz erhält automatisch ein Dossier. Wer keines will, kann es löschen lassen. Neben Spitälern und Pflegeeinrichtungen werden neu auch Ärztinnen und Ärzte, Apotheken und weitere ambulante Leistungserbringer verpflichtet, das E-GD zu nutzen. Der Bund wird das schweizweit einheitliche Informationssystem verantworten. Das E-GD soll auf das Jahr 2030 hin eingeführt werden.

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