
Patient: Gesundheitswesen. Diagnose? Therapie?
Dass unser Gesundheitswesen schwächelt, wissen wir schon lange. Aber woran genau krankt es? Liegt es an der Politik, an der Finanzierung? An der Bevölkerungspyramide, die heute mehr nach Tannenbaum aussieht? Am Fachkräftemangel?
Dass unser Gesundheitswesen schwächelt, wissen wir schon lange. Aber woran genau krankt es? Liegt es an der Politik, an der Finanzierung? An der Bevölkerungspyramide, die heute mehr nach Tannenbaum aussieht? Am Fachkräftemangel? Die Diagnose entzieht sich uns. Also behandeln wir off label. Versuchen es mit wohlklingenden Strategien und Werkzeugen: Digitalisierung. Attraktive Weiterbildung. Bessere Tarife. Weniger Bürokratie. Klingt alles sehr gut. Funktioniert aber nicht recht. Je älter ich werde, desto mehr drängt sich mir die Ahnung auf, dass wir am falschen Ort zu behandeln versuchen. Wir schnippeln hektisch am Blattwerk herum, während die Wurzeln faulen.
Wie steht es mit unserer Haltung? Nicht nur im Gesundheitswesen, sondern als ganze Gesellschaft pflegen wir munter Mythen und Illusionen. Dass wir hundertprozentige Sicherheit und Perfektion verlangen dürfen. Dass Unannehmlichkeiten und Anstrengung unzumutbar seien. Dass Gesundheit ein Konsumgut sei, das die Medizin prompt zu liefern habe. Wir haben vergessen, dass der Mensch mehr ist als nur eine Bio-Maschine, eine Ansammlung von Funktionen und Rezeptoren. Wir haben vergessen, dass Gesundheit nichts Absolutes, Perfektes ist, sondern eine weite Fläche – erinnern Sie sich an die Gauss’sche Glockenkurve? Wir haben vergessen, dass Dinge wie Schmerz, Krankheit, Belastungen und Verluste keine Kunstfehler, sondern Teil unseres menschlichen Daseins sind. Und wir haben vergessen, dass wir alle sterben werden.
Solange wir davon ausgehen, dass alles machbar ist, solange wir die Fäulnis an der Wurzel nicht angehen und den scharfkantigen Fragen ins Auge sehen, wird, so fürchte ich, der Patient Gesundheitswesen sich nicht erholen.
Der Gastkommentar gibt die persönliche Meinung der Autorin wieder, die von der Haltung der Ärzteschaft und der Redaktion abweichen kann.
Dr. med. Esther Pauchard

Bildlegende
Bild: iStock