«Wir sind beim Datenschutz unglaublich vorsichtig»

Auch im Gesundheitswesen kommt KI immer öfter zum Einsatz. Digital-Health-Experte Alfred Angerer von der ZHAW ordnet die aktuellen Entwicklungen ein und erklärt, weshalb die Schweiz bei der Digitalisierung trotzdem noch hinterherhinkt.

Alfred Angerer, wie weit ist die Schweiz beim KI-Einsatz im Gesundheitswesen?
Insgesamt hinkt unser Gesundheitssystem in Sachen Digitalisierung anderen Ländern hinterher. Beim Einsatz von KI sind wir aber solide unterwegs. Was noch fehlt, ist die flächendeckende Umsetzung.

Finden Sie, die Politik müsste stärker eingreifen?
Bei Innovationen stellt sich immer die Frage, wie viel Politik und Regulierung man haben möchte. Um KI und Digitalisierung voranzutreiben, wäre eine Anpassung der Tarife der stärkste Hebel: Wenn die Leistungserbringer über die Grundversicherung abrechnen wollen, müssen sie sich an von Bund und Kantonen vorgegebene Standards halten.

Welche Auswirkungen könnte die KI auf Kosten und Prämien haben?
Am Anfang wird der KI-Einsatz Kosten erzeugen. Langfristig werden sich die Investitionen aber lohnen. Wenn man die Ärzteschaft in der Dokumentation entlastet, rentiert es schnell. Bei der Auswirkung auf die Prämien muss man hingegen vorsichtig sein. Wenn der Preis einer Behandlung sinkt, aber die Menge zunimmt, werden die Prämien nicht sinken. Das Kostenwachstum verlangsamt sich vielleicht. Dass wir in fünf Jahren wegen KI weniger Prämien bezahlen, glaube ich aber nicht.

Wo setzt die Ärzteschaft heute KI ein?
KI wird in Spitälern in der Bildgebung, zum Beispiel in der Radiologie, eingesetzt. Die KI braucht nicht so kontrastreiche Bilder wie der Radiologe. Das heisst, man kann die Kontrastmittel reduzieren. Der Patient wird weniger belastet und kriegt die gleiche oder bessere Qualität. Auch in der Administration bringt KI Entlastung. Sie ist nützlich und günstig, aber noch nicht bei vielen Leistungserbringern in den Alltag integriert.

Wie gross ist die Gefahr, dass sich das medizinische Personal auf die KI verlässt und eigene Kompetenzen verlernt?
Die Gefahr ist da. Wichtig ist: KI dient zur Unterstützung bei der Diagnose, die Ärzteschaft trägt aber immer die Verantwortung.

Und wo profitieren die Patienten von der KI im Gesundheitswesen?
Erstens werden die Befunde präziser, schneller und zuverlässiger. Zweitens haben wir Expertenwissen in einer Maschine. Das gibt ihnen die Möglichkeit, sich selbst zu helfen. Drittens kommt die Convenience dazu: Ein Chatbot kann 600 Anrufe auf einmal annehmen, die MPA genau einen.

Werden die Patienten der KI vertrauen?
Der Mensch ist zuerst skeptisch. Die meisten Anwendungen müssen wir ausprobieren, dann fassen wir Vertrauen. Zudem vertraue ich der Maschine eher, wenn mir der Arzt sagt, sie sei gut. Wir vertrauen nicht so sehr der KI direkt, sondern dem Menschen, der sagt, dass die KI vertrauenswürdig sei.

Wie werden KI-Systeme geprüft, die zum Einsatz kommen?
Bei Medizinprodukten wie einer KI, die Röntgenbilder beurteilt, geht die Zulassung über die bewährten Kanäle von Swissmedic. Das ist ein mehrmonatiger Prozess. Moderne KI-Modelle verändern sich jedoch jede Woche. Unsere bewilligten Systeme hinken deshalb komplett hinterher. Wie wir damit umgehen wollen, ist eine offene Frage. Bei administrativen KI-Lösungen hingegen braucht es keine offizielle Zulassung – bei einer Software zur Dienstplan-Erstellung beispielsweise ist der Einsatz jedem Spital selbst überlassen.

Wie findet man die richtige Balance zwischen Datenschutz und Digitalisierung?
Wir hinken auch deswegen hinterher, weil wir beim Datenschutz unglaublich vorsichtig sind. In Österreich hat man bei der Einführung des EPD-Pendants festgestellt, dass bei ungefähr 70'000 Verschreibungen von Medikamenten lebensbedrohliche Wechselwirkungen bestehen. Das Risiko, dass Menschen zu Schaden kommen, erscheint mir viel grösser als das Risiko, dass mit Daten etwas passiert. Zudem funktioniert Solidarität in beide Richtungen. Anonymisierte Daten der Forschung zur Verfügung zu stellen ist ein Dank an die Gesellschaft, die für meine Behandlung bezahlt hat. Zumal es für den Datenschutz technische Lösungen gibt.

Wie wird sich der Einsatz von KI in den nächsten zehn Jahren verändern?
KI wird in vielen Bereichen selbstverständlich werden. Ich glaube zudem, dass sich die Rolle der Fachkräfte verschieben wird. Es wird mehr um Aspekte wie die Interpretation der Befunde oder um Empathie gehen. Letztlich bleibt das Prinzip gleich wie heute: Ich werde hingehen und mit Menschen sprechen. Und diese Menschen benutzen Software oder eben KI.

Bildlegende

Prof. Dr. Alfred Angerer ist Professor für Management im Gesundheitswesen an der ZHAW. Seine Forschungsschwerpunkte sind Operative Exzellenz (Lean Healthcare) und Digital Health.

 

Bild: zVg

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